Die Forschung

Fragt man Prof. Dr. Philippe Stock nach den Ursachen der rasend um sich greifenden Allergien, kommt als erste Erklärung für die Ursache die übergroße Sauberkeit. "Es gibt Bakterien, die einen schützenden Effekt haben. Wie genau, wissen wir gar nicht. Aber es hat dazu geführt, dass man jetzt durch die Ställe geht und untersucht: Welche Bakterien sind denn schützend? Erst , wenn man das weiß, könnte man das therapeutisch nutzen. Da wird gerade intensiv gesucht: dieses oder jenes und welcher Teil davon?" 

Lässt sich voraussagen, ob eine Allergie zum Ausbruch kommen wird? 

"Es gibt Beobachtungen, mit deren Hilfe man das herausfinden will", nickt der Experte. "Wenn Kinder eine bestimmte Genkonstellation haben und dann sehr früh, vor dem dritten Geburtstag, sehr viel mit dieser Substanz in Kontakt kommen, dann ist das Risiko für eine Allergieentwicklung viel höher, als wenn man‘s weglässt."

Kann er ein Beispiel nennen?

"Ja. Es gibt zum Beispiel Antikörper gegen Hausstaubmilbe. Es kann sein, dass das Kind nie eine Allergie entwickelt. Es kann aber auch sein, dass es ein schweres Asthma entwickeln wird aufgrund dieser Milbenallergie. Was entscheidet jetzt? Das versucht man herauszufinden. Je mehr das Kind dem ausgesetzt ist, desto höher das Risiko. So dachte man bisher", so Stock. "Auf der anderen Seite ändert sich gerade unser Verständnis, weil wir es bisher nicht richtig verstanden haben. Denn auf dieser anderen Seite gilt: Man braucht einen ständigen Kontakt mit dem "Bösen", um die Toleranz dem Feind gegenüber überhaupt zu entwickeln – eine neue Vorstellung also, radikal anders als bisher."

Für Kinder mit einer Nahrungsmittelallergie – um ein anderes Beispiel zu nennen – hieß es bisher: Lass es weg! Bloß nicht verabreichen! "Inzwischen wissen wir, wenn es in ganz kleinen Mengen verabreicht wird, können sie eine Toleranz aufbauen. Und wenn man das über einen langen Zeitraum kontinuierlich steigert, verträgt man plötzlich dieses Nahrungsmittel. Das ist die Toleranz, die man aufbauen kann." Doch die Einschränkung folgt sofort auf dem Fuße: "NIEMALS", sagt Prof. Stock, "darf man das im Hausgebrauch versuchen!" Die Gefahr eines allergischen Schocks ist so groß, dass sie im schlimmsten Fall den Allergiker das Leben kosten kann. "Wir machen Studien dazu, wie eine solche Toleranz aufgebaut werden kann", sagt der Allergologe. 

Bei Gräsern und Pollen wird schon mit Hyposensibilisierung gearbeitet. Der Allergiker bekommt über drei Jahre diese Pollen unter die Haut gespritzt. Ähnliches erhofft man sich bei Nahrungsmitteln, die alle Arten von Symptomen in Kopf, Atemwegen, Lunge, Darm oder auf der Haut auslösen können.

Wenn man häufiger Antibiotika bekommen hat: Kann es dann sein, dass sich nicht nur die eigene Darmflora verändert, sondern dass man diese Veränderung auch an seine Kinder weitergibt?, will ich wissen.

Prof. Stock: "Ich weiß es ehrlich gesagt nicht genau. Dass das Thema Ernährung und Darmflora ganz weitreichende Einflüsse hat, das wissen wir. Wir können es aber nicht konkret genug fassen, um daraus klare Handlungsempfehlungen abzuleiten. Keine Beobachtungen, die sagen: 'Der Gebrauch von diesen Antibiotika führt bei Kindern häufiger zu Allergien.' Es gibt jedoch größer gefasste Untersuchungen, die fragen: 'Warum haben wir denn so viele Allergien?' Und das kommt vielleicht nicht nur daher, weil die Kinder weniger im Dreck spielen, sondern auch, weil sie nicht mehr richtig krank sein dürfen. Beim kleinsten Fieberanflug gibt es sofort ein Antibiotikum und das ist – wenn man das gesamtbevölkerungstechnisch sieht – ein Problem. Man kann daraus nicht folgern, bei 10 x Antibiotika ist das Risiko höher. Es hängt immer vom individuellen Kind ab. Aber insgesamt ist dieser westlich-saubere Lebensstil, der auch Antibiotika beinhaltet, eher allergiefördernd."

Welche Rolle spielt aus seiner Sicht die ungesunde Ernährungsweise, Pestizide, Gentechnik?

"Natürlich ist die Bakterienflora eine andere. Aber man darf jetzt nicht den dritten Schritt vor dem ersten gehen; jetzt nicht den Bakteriengehalt im Stuhlgang messen und sagen: 'Ah ja, kuck mal, hiervon viel zu viel und wie viel von jenem und dieser Mensch wird bestimmt bald krank, wenn er‘s nicht schon ist'. Wir wissen gar nicht, welcher Bakteriengehlt normal ist und wie das alles zusammenhängt. Den ersten Schrhitt muss man gehen und auch den zweiten: 1. Wie nehmen Bakterien Einfluss auf unser Immunsystem? Denn dass sie es tun wissen wir.

2. Wir haben an der Charité Untersuchungen gemacht, dass wenn man Bakterienbestandteile zu essen gibt, die Wahrscheinlichkeit, an einer Allergie zu erkranken, reduziert ist."  

 

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Womit wir bei den Probiotika wären.

"Genau sowas", bestätigt der Professor. "Probiotika waren ja vor 10 Jahren in der Schulmedizin ein bisschen verpönt. In der Zwischenzeit wissen wir, dass sie in der Tat wichtige Einflüsse haben, auch wenn er nicht ganz benannt werden kann. Deshalb werden Probiotika auch  von Schulmedizinern zunehmend eingesetzt, bei Frühgeborenen und Neugeborenen inzwischen routinemäßig."

Auf den Neugeborenenstationen konnte man die Anzahl der nekrotisierenden Enterocolitis (NEC) dramatisch senken. Die Erkrankung entsteht, weil der Darm durch die zu frühe Geburt offensichtlich zu schnell und auch falsch bakteriell besiedelt wird. Dann entstehen Defekte im Darm – Löcher durch eine Entzündungsreaktion.

"Wir selbst haben eine Studie bei kleinen Kindern gemacht, die aus einer Hochrisikofamilie stammen, wo beide Eltern Allergiker sind, und wir haben eine Gruppe mit Probiotika behandelt und die andere nicht. Wir haben festgestellt, es hat einen schützenden Einfluss auf die Entstehung von Allergien. Das ganze Thema Ernährung und Darmbakterien: Da müssen wir klüger werden, Einflussfaktoren besser verstehen."

Nehmen Nahrungsmittelallergien zu?

"Ja, sie werden mehr, so wie alle Allergien", antwortet Prof. Stock. "Neue kommen hinzu, z. B. die Erdnussallergie. Sie zählt mit Kuhmilch und Hühnerei zu den häufigsten in Deutschland. Vor 10 Jahren gab es das hier gar nicht."

Seine Prognose: Sie werden sich weiter entwickeln. Immer mehr sind gegen Sellerie allergisch, der in so vielen Fertiggewürzen zu finden ist. "Und je mehr man davon isst, umso mehr entwickeln sie sich auch. Da müssen wir uns wappnen, uns auf mehr Patienten vorbereiten."

Wie bereitet man sich auf so etwas vor?

"Zum Beispiel mit organisatorischen Abläufen, das bauen wir aus. Wir werden die Versorgung der Kinder mit Nahrungsmittelallergien verbessern, Personal aufstocken." Was wie unheimliche Science Fiction klinkt, hat einen sehr realen Hintergrund.

"Wir haben inzwischen eine Wartezeit von einem halben Jahr, wenn Sie heute zu mir kommen mit dem Verdacht! Dann braucht ein Kind häufig stationäre Betreuung, und die Provokation, um das Allergen zu finden, darf nur unter klinischen Bedingungen stattfinden. Sechs Monate Wartezeit? Das ist nicht akzeptabel!"  

Die Klinik arbeitet konsequent an der Entwicklung neuer Therapien – zum Beispiel Hyposensibilisierung durch Einatmen. "Nahrungsmittelallergien bedeuten bis heute: 'Lass es weg'. Das ist nicht sehr befriedigend, auch für die Familien. Eine langsame Hyposensibilisierung zu erreichen, ist unglaublich spannend. Es gibt eine wachsende Patientengruppe, die stark beeinträchtigt ist, und der wir in absehbarer Zeit therapeutisch etwas anbieten können."

Damit trifft er einen Nerv, mit dessen Schmerz unzählige Familien zu kämpfen haben: "Zu Hause kann man das mit maximalen Käften hinkriegen, das Kind vor dem Allergen zu schützen. Aber dann kommt es in die Kita, und plötzlich kommt man in eine Problematik, dass die Kinder gar nicht in einem normalern Umfeld integrierbar sind. 

Aber wenn man sie wiederum noch mehr von normalen Einflüssen abtrennt, provoziert man auf die Zukunft noch mehr Allergien – ein Teufelskreis." Er runzelt die Stirn in deutlicher Missbilligung. "Strenges Isolieren und Weglassen ist von vor 20 Jahren. Nein, wir müssen das Immunsystem modifizieren, provozieren, das ist der richtige Weg. Davon bin ich fest überzeugt."

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