Brennpunkt Flüchtlingskarte

Flüchtlinge brauchen mehr     als die alten Ideen

Seit sechs Jahren versucht die Bundesregierung, die Gesundheitskarte der gesetzlichen Krankenkassen mit Leben zu füllen. Vergeblich. Der Buchholzer eHealth-Unternehmer und vitabook-Gründer Markus Bönig nahm die Situation der Kriegsflüchtlinge zum Anlass, eine umfassende Online-Lösung für sie zu entwickeln. Chefredakteur Hans-Heinrich Reichelt traf den IT-Manager zum Interview.

 

Wann haben Sie beschlossen: „Die Refugee Identification Card muss sofort her!“?

Der Tod des kleinen Jungen, der am Strand gefunden wurde, hat die ganz Welt schockiert. Als Familienvater kann man sich vorstellen, dass der Vater sich wünscht, dass der Tod seines Kindes nicht umsonst gewesen ist.

 

Wie erleben Sie persönlich die Situation?

Sie ist allgegenwärtig. Gestern sah ich flüchtende Menschen zu Fuß auf der Autobahn. Auf einmal war die ganze Situation nicht mehr 5000, sondern nur noch 50 km entfernt. Die Notwendigkeit einer humanitären und die medizinischen Versorgung steht im Vordergrund. Durch unser

Konzept hatten wir die Möglichkeit, die Refugee Card innerhalb einer Woche auf den Weg zu bringen. Und genau das haben wir getan.

 

Inwieweit betrifft das die aktuelle medizinische Versorgung

der Menschen, die vor Kriegen flüchten?

Für sie brauchen wir hier dringend eine Health-Card, die nicht nur die Abrechnung, sondern auch ihre gesundheitliche Situation im Auge haben. Mit dem, was wir gebaut haben, kann eine Behörde vom Fleck weg loslegen. Um eine Brücke zwischen den Behörden und den asylsuchenden Menschen zu bauen, haben wir die Homepage gleich in 10 Sprachen angelegt, um zu erklären, was mit der Health-Card möglich ist.

 

Was genau läuft bei Ihrer Karte für Flüchtlinge

leichter für die zuständigen Behörden?

Konkret geht es darum, dass bislang jede Behörde im Einzelfall eine Bescheinigung ausstellen muss, die sagt, dass ein Arztbesuch zulässig ist. Hier haben NRW, Bremen und Hamburg ja bereits einen weiteren Schritt beschlossen. Sie möchten mit der herkömmlichen Gesundheitskarte eigentlich nur bewirken, dass die Kostenübernahme für den Arzt und die Klinik garantiert sind. Das ist der eine wichtige Teil. Das Dokument soll nicht jedes mal neu, sondern quasi pauschal für schmerzstillende Behandlungen, die Medikamente und die Betreuung werdender Mütter erstellt werden.

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Diesen Bedarf decken Sie ebenfalls ab?

Ja, genau das und noch viel mehr kann unsere Health-Card leisten. Der Beamte erstellt diesen Bescheid bzw. diese Blanko-Kostenübernahme; scannt das Dokument, das dann einfach in unser Gesundheitskonto kommt und mit der Health-Card verknüpft wird. Dieses Dokument kann der behandelnde Arzt ansehen, sich ausdrucken.

Die Rechnung kann der Arzt einscannen und in das vitabook Gesundheitskonto seines Patienten hochladen. Mit dem Hinweis „ist eine Rechnung“ liegt diese online der Behörde vor, die sie nach Prüfung bezahlt.

 

Was unterscheidet diese Lösung denn von der anvisierten mit den Krankenkassen?

Die Möglichkeit, ein Gesundheitskonto anzulegen und alle Möglichkeiten einer elektronischen Patientenakte im Schulterschluss zu nutzen – alle Ärzte, Kliniken und Apotheken, die sich um einen Patienten kümmern online und gemeinsam. Das macht den tatsächlichen Behandlungsbedarf erheblich transparenter.

 

Wie soll von Bund und Ländern bzw. Kommunen abgerechnet werden?

Da gibt es unterschiedliche Ansätze. Ein Denkmodell ist, dass Krankenkassen 220 Euro pro Monat und Flüchtling von der jeweiligen Kommune haben wollen = 2.640 Euro – egal, ob Betroffene krank waren, oder werden. Für die Behörde eine sehr teure Versicherung! Denn im Moment werden die tatsächlichen Kosten mit etwa 1000 Euro pro behandeltem Patient/pro Jahr errechnet.

Ein anderes ist, dass die Krankenkassen, wenn Gröhes Gesundheitskarte eingesetzt wird, eine Pauschale von 10 Euro pro Patient oder 8 % vom Umsatz bekommen für die reine Abwicklung. Das ist kein wirklicher Anreiz zur Kostenkontrolle, weder für Ärzte, noch für kassenärztliche Vereinigungen und erst recht nicht für Krankenkassen.

 

Wer zahlt am Ende? 

Die Kommunen werden mit allen Lösungen auf den Kosten erst mal selbst sitzen bleiben und dann eine Pauschale für alles zusammen vom Land bzw. Bund erhalten – z.B. 10.000 Euro pro Flüchtling im Jahr. Fertig. Deshalb muss die Kommune darauf achten, keinen Cent zu viel auszugeben. Schon gar nicht für Pauschalen an Krankenkassen. 

 

Wie viele Ausgaben kommen da auf eine Gemeinde zu?

Nehmen wir mal nur Jesteburg mit 8.000 Einwohnern. Hier sind 270 Flüchtlinge. Bleiben wir bei den 220 Euro Pauschale der Krankenkassen, bedeutet  das 2.640 Euro im Monat bzw. 712.800 Euro Ausgaben im Jahr. Für das Geld können sieben Ärzte Vollzeit bezahlt werden.

 

Wie hoch sind die Kosten bei der Health-Card, die Sie entwickelt haben?

Bei uns kostet die Software nichts und die Karten einmalig einen Pauschalpreis, je nach Druckmenge drei bis fünf Euro. Für die Kommunen selbst kommen dann die tatsächlichen Arztkosten für die Patienten hinzu, die tatsächlich behandlungsbedürftig sind, statt generell eine fette Pauschale. Wir bieten dieselbe Funktion an wie die Gesundheitskarte der Bundesregierung, aber darüber hinaus zahlreiche weitere, die eine Online-Betreuung eines Patienten durch einen Arzt auch in die Zukunft projiziert vehement erleichtern, z.B. bei so wichtigen Fragen wie Blutgruppe, Medikamente, Vorerkrankungen, Impfungen oder Unverträglichkeiten. 

 

Wie teuer ist ein „normaler“ Patient pro Monat?

Die gesetzlichen Krankenkassen haben im Schnitt pro Versichertem und Monat 279 Euro Kosten – dann aber mit allem Drum und Dran und nicht nur Basis-Basis-Basis, wie bei der Versorgung von flüchtenden Menschen, bei denen ja nur Schmerztherapie und Medikamente bezahlt werden, plus die Versorgung werdender Mütter und Wöchnerinnen. Eigentlich ist es ein Skandal, dass die Kassen sich hier gesund stoßen

wollen.  

 

Wer entscheidet, ob die Kommunen eine Gesundheitskarte nutzen können?

Sie selbst. Die Ausschüttung dieser Pauschalvergütungen ist unabhängig von der Karte. Sie wird nur ein Angebot im Rahmen eines Rahmenvertrages auf Landesebene für die jeweiligen Kommunen sein – mehr nicht. Jede Kommune kann das sofort einzeln entscheiden. Es werden ja bei der Gesundheitskarte der Bundesregierung „nur“ die Kostenübernahmebescheinigungen in digitalisierter Form übergeben. Genau das, was sie heute auch jeden Tag tun, nur dass das nicht mehr von Hand und immer wieder gemacht werden muss.

 

Der Furcht vor Islamisierung setzt Angela Merkel die Aufforderung entgegen, dass wir uns in Deutschland ganz einfach auf unseren eigenen Glauben besinnen können und ihn konsequenter praktizieren. Teilen Sie ihre Meinung?

Ja. Ich bin Christ, für mich ist die Vorstellung, seinen Glauben zu leben, völlig normal. Dazu gehört, Fremden zu helfen und sie freundlich zu empfangen. vitabook wurde als Sozialunternehmen gegründet. Mein Vorbild dabei war der Vision Summit 2007. Ich habe Cisco Systems mit dem Ziel verlassen, mein unternehmerisches Können in den Dienst sozialer Probleme zu stellen. Und ein soziales Problem dieses Ausmaßes hatte die Welt das letzte Mal nach dem zweiten Weltkrieg.

 

Mehr Infos: www.vitabook.de/refugeewww.vitabook.de

Kontakt für die Kommunen: info@ordermed.com

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