Brennpunkt Online-Therapie

Online-Therapie bei Depressionen: Noch vor 10 Jahren ein anonymes Gespenst aus dem Internet. Heute ein erfolgreiches Tool, von führenden Forschungsinstituten der Welt wie dem UKE in Hamburg, der Leuphana Universität in Lüneburg oder der Karolinski Universität in Stockholm sowie der Universität Amsterdam ausgiebig beforscht. Wir trafen Mathias von Waldenfels – den Pionier in Deutschland.

 

Zeit für die Seele

Schnelle Termine statt Wartezeiten von 5 bis 8 Monaten für einen Termin beim Psychotherapeuten. Alle Zeit der Welt. Hohe Effizienz. Sie haben den Online-Vorstoß gewagt, den sich in Deutschland sonst niemand traute. Was ist das Ergebnis?  

Mit der novego-Idee wurde das möglich, was Patienten am meisten im täglichen Umgang mit Ärzten vermissen: Zeit, Zuwendung, Individualität, die Auseinandersetzung mit dem, was auf der seelischen Ebene eine wichtige Rolle spielt.  

 

Für welche Patienten ist diese Online-Therapie geeignet?

Für Patienten mit Depressionen, damit sind wir gestartet. Für Schmerzerkrankungen, für die Folgen von Schlaganfällen, in jedem Fall auch für Patienten mit Krebserkrankungen. Es geht um den Umgang mit chronischen Erkrankungen, die einen in ihren seelischen Auswirkungen lange begleiten.

 

Wo ist der größte Bedarf?

Dort, wo der Druck am größten ist und das ist bei den Depressionen, noch mehr als bei anderen Themen. Wir haben ein Baukastensystem mit ganz konkreten, individualisierten Hilfestellungen zur Verfügung gestellt. 

 

Ist das Verhältnis der Menschen zu Depressionen insgesamt angstbefreiter geworden?

Ja, die Menschen setzen sich anders damit auseinander, die Berührungsängste sind weniger geworden. Ich arbeite sehr eng mit Krankenkassen zusammen, die sich sehr ernsthaft kümmern wollen, ihren Versicherten etwas anzubieten und nicht nur die Abrechnung zu machen. Ich treffe immer mehr Menschen, die den Kontakt zu den Versicherten halten und auch Angebote machen wollen. Dadurch entsteht ein ganz andere Dialog. 

 

Wie nehmen Versicherte das wahr?

Wenn sie merken, die wollen mich wirklich ernsthaft unterstützen, ohne Kostendruck, sie sind ernsthaft interessiert, dass es mir besser geht, und es gibt dann eine Anzahl von Mitarbeitern, die sie begleiten, hat das ganz andere Ergebnisse.

 

Was trägt insgesamt zur Veränderung der Wahrnehmung bei?

Die mediale Präsenz hilft sehr, um Depressionen zu enttabuisieren. Egal, mit wem ich anfange darüber zu reden – irgendetwas bricht auf. Sie beginnen darüber zu reden: „... bei meinem Vater, bei meiner Schwester, bei meiner Cousine...“ Nahezu jeder ist in irgendeiner Weise betroffen und dann hilft es zu sehen: Ich bin ja nicht alleine.

 

Also nicht länger in einer Blase zu leben?

Genau. Wenn man merkt, dass es da Millionen Blasen gibt – das hilft.

 

Wenn Sie auf die Ergebnisse der Online-Therapie schauen: Wie sind die im Vergleich zur persönlichen Therapie?

Sowohl die Studien, die wir durchgeführt haben, als auch auch die von Universitäten mit unseren Programmen und auch die Studien mit Programmen im Ausland zeigen keinen Unterschied. Das heißt für mich jedoch nicht im Umkehrschluss, dass alles online laufen sollte. Es bedarf immer einer positiven Entscheidung dazu. Die Menschen, die offen sind für eine solche Unterstützung, denen hilft es in gleichem Maße wie denjenigen eine persönliche Hilfestellung hilft, die eine Therapie von Angesicht zu Angesicht machen. For alle gilt: Die Veränderung am Ende muss immer aus einem selbst kommen. 

 

Was ist die Konsequenz dieser Vorgehensweise?

Es bedeutet, dass man viele Menschen erreichen kann, die man sonst eben nicht erreichen würde. Man hat eine gleichwertig hohe Alternative. Und die Menschen, die unbedingt eine persönliche Therapie haben wollen, sollten diesen Weg dann auch unbedingt gehen.

 

Das Alter spielt keine Rolle. Die Persönlichkeit schon.

Ist das altersabhängig?

Nein, es hängt eher von der Persönlichkeit ab. Wir haben Patienten zwischen 25 und 85 Jahren bei uns im Programm und jedes Jahr nimmt die Affinität im Alter zu. Die jetzt 60-jährigen sind in 10 Jahren 70, für die ist das Internet dann total selbstverständlich. Außerdem ist unser Programm ja sehr einfach, man braucht keine großen Computerkenntnisse, um das zu durchlaufen.

 

Wenn es nach der Entlassung aus dem Krankenhaus eine solche Begleitung z. B. bei den großen drei Herz, Schmerzen und Krebserkrankungen gäbe – wie würde das dann aussehen?

Das planen wir gerade. Der behandelnde Arzt würde zu der körperlichen Diagnose auch eine psychische Belastung mit feststellen. Im normalen Entlassungsmanagement werden auch Hilfestellungen mit angeboten oder auch empfohlen, und da könnte auch so ein Onlineprogramm mit drin sein. Meine Idealvorstellung wäre, dass damit im Krankenhaus begonnen wird an vorhandenen Bildschirmen, und dass man sich dann – angepasst an einen Fragebogen über die persönliche Situation – das Programm daraus zusammenstellt. So hat dann jeder sein individuelles Programm, an dem er in den kommenden Wochen weiter arbeiten kann.

 

Also könnte ich sagen, was mich am meisten belastet, wie die Angst vor Schmerzen, familiäre Belastung, Angst vor dem Alleinsein und ich bekäme ein maßgeschneidertes Programm?

Genau, das würde auf die persönliche Situation zugeschnitten. Es gibt Dinge, da weiß man: Die helfen jedem. Aber es gibt auch persönliche Ressourcen, die jemand zur Verfügung hat, wie z. B. die Familie. Wenn man das nicht hat, bringt es nichts zu sagen: „Suchen Sie Halt und Unterstützung bei Ihrer Familie.“ Man kann Rücksicht auf die Lebenssituation nehmen.

 

Sollen die gesetzlichen Krankenkassen das bezahlen?

Ja. Wir haben bereits knapp über 20 Krankenkassen in unserem Netzwerk. Sie sehen, dass sie ihren Versicherten Leistungen über das normale hinaus anbieten, denn das Schlimmste, was ihnen passieren kann, ist, dass ihre Patienten schlecht versorgt sind. 

 

Weil das der Kostenfaktor schlechthin ist?

Genau. Die Studienlage ist da noch dünn, aber man weiß, wie hoch die Kosten für unterversorgte Patienten sind. Jemand, der an Depressionen leidet und schlecht versorgt ist, erzeugt Kosten für seine Krankenkasse von 3000 bis 5000 Euro pro Fall. Es lohnt sich, Geld dafür in die Hand zu nehmen und eine Versorgung herzustellen. 

 

Praktisch könnte man die Versorgung doch auch in die hausärztliche Versorgung mit einbinden. Denn der Traum, das Ärzte sich wieder Zeit nehmen, ist ja im wesentlichen ausgeträumt, oder?

Ja, das findet auch schon statt, aber es gibt auch noch riesige andere Potenziale. Deshalb ist das Entlassungsmanagement so wichtig, weil dort die Möglichkeit der Online-Hilfe schon mit eingebunden ist als Empfehlung – und die erste Einweisung, wie es funktioniert, hat dann schon stattgefunden. Das Positivbeispiel in der hausärztlichen Versorgung ist England. Dort wird die psychische Grundversorgung durch sogenannte Mental Health Nurses sicher gestellt – also Fachkräfte in der Hausarztpraxis, die Patienten befragen und Empfehlungen an den Arzt aussprechen. In Holland wurde das vor 10 Jahren gestartet, und sie haben eine Durchdringung von 90 Prozent! Drei Hausärzte teilen sich eine Mental Health Nurse. Alle Patienten, die unter einer extremen Stressbelastung, an einer Grundbelastung, an Burn Out oder ähnlichem leidem, kommen erst einmal zu dieser Mental Health Nurse, die erstmal drei Grundgespräche pro Patient führt und ein Screening macht. Danach schätzt sie ein, ob es etwas ist, was man allein durch weitere Gespräche unterstützen kann – oder ist es etwas, das von einem Onlineprogramm profitieren würde? Sie kann dann als Fachkraft die Programme empfehlen, die einem Patienten nützen würden.

 

Das sind ja paradiesische Zustände...

Ja, so funktioniert es. Wir könnten hier bei uns nicht die Mental Health Nurse ersetzen, aber wir könnten ihr sehr viel an die Hand geben: Screening-Instrumente, Online-Programme. Bei den Krankenkassen sitzen ausgebildete Fachkräfte, die nichts anderes tun, als Patienten entsprechende Programme zu empfehlen, weil sie selbst so einen großen Kostendruck haben und viel Geld für keine Behandlung ausgeben. Jede Krankenhauseinweisung kann auch schnell mal 20. oder 30.000 Euro kosten. Und so ist beiden geholfen, den Patienten und ihren Krankenkassen.

 

In Deutschland wäre also der beste Weg, direkt Patienten zu informieren, dass sie diese Möglichkeit haben...

Genau, plus, dass viele Kostenträger sie bereits übernehmen. Wir müssen Betroffene über Standardprozesse früh erreichen. Wichtig ist, dass sie wissen, dass es Hilfe gibt und dann können sie für sich selbst immer noch entscheiden, ob sie das wahrnehmen möchten. Einen ersten Eindruck bekommen sie online auf unseren Beispielen.

 

Wenn Sie Schmerzpatienten begleiten, was kostet das? Wäre das wie bei den Depressionen – ein Programm für drei Monate, oder dauert das länger?

Wir sprechen grundsätzlich von Kosten für diesen Zeitraum, also von 100 bis 300 Euro. Bei uns kostet so ein Programm für drei Monate 180 Euro. Das ist sehr überschaubar und entspricht etwa zwei (persönlichen) Therapiestunden. Je mehr telefonische Beratung, Telefonberatung oder vor-Ort-Beratung hinzugezogen werden muss oder sollte, umso teurer wird es.

 

Können Medikamente eingespart werden?

Ja, bei einem guten Therapieverlauf sicher, aber nicht grundsätzlich immer. Es kann auch wichtig für einen Therapieerfolg sein, die Medikamente regelmäßig über längere Zeiträume zu nehmen. Man hat festgestellt, dass Menschen mit Depressionen ihre Medikamente zu 50 % weniger regelmäßig einnehmen als Menschen ohne Depressionen. Ihre Therapietreue ist also halbiert. Das ändert sich jedoch bei psychotherapeutischer (Online-)Begleitung. Und hinzu kommt auch noch: Durch psychologische Begleitung kann man auch körperliche Schmerzen lindern, die ja nicht zwangsläufig nur durch die Krankheit selbst, sondern auch durch frühere Traumata ausgelöst werden können.

 

Wären diese Programme nicht auch als Prävention interessant?

Auf jeden Fall! Man weiß, dass viele Erkrankungen auf der Stressebene überhaupt erst entstehen. Aber auch sekundär präventiv ist das hilfreich, wenn Patienten wieder in ein Tief reinrutschen.

 

Das wäre ja auch für Schmerz- und Migränepatienten optimal, oder?

Ja, und davon wiederum profitieren nicht nur die Patienten selbst, sondern auch Unternehmen, weil sie sich gesunde Mitarbeiter wünschen. Man geht davon aus, dass jedes Unternehmen Jahreskosten von 5000 Euro pro Mitarbeitet wegen gesundheitlicher Themen hat.

 

Wo finden Patienten Sie?

Herz und Schmerz sind Teil unseres Depressionsprogramms. Von dort aus findet man maßgeschneiderte Programme für Herzpatienten, für Patienten mit chronischen Rückenschmerzen; außerdem auch für Ängste, Burn Out und für die postpartale Depression.

 

Mehr Informationen über die unterschiedlichen Therapieansätze findet man unter „Gut zu wissen“. https://www.novego.de/wissen/

 

 

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