Prof. Dr. med. Dr. h.c. Nobert Haas

"Was muss ich, was soll ich, was darf ich?" Wenn der Krankenwagen auf dem Virchow-Campus der Charité vor der Rettungsstelle bremst, hängt das Leben des soeben eingetroffenen Patienten von diesen drei Fragen ab. "Man kann jemanden auch zu viel operieren", sagt Prof. Dr. med. Norbert Haas, Direktor des Centrums  für Muskuloskeletale Chirurgie (CMSC) an der Charité. Ganz besonders dann, wenn nicht nur ein Teil des Körpers verletzt ist, sondern viele. Und das ist bei seinen Patienten eher die Regel als die Ausnahme.

 

ENTSCHEIDUNG IN SEKUNDENBRUCHTEILEN

 

Werden die Schwerverletzten in die Klinik für Wiederherstellungs- und Unfallchirurgie gerollt, muss der Professor innerhalb von Minuten entscheiden: Welche Operation ist lebensrettend und wird deshalb als Erstes gebraucht? Welche kann man auch zwei Tage später machen? Welche stellt am Schluss die verletzten Funktionen des Körpers so gut wie möglich wieder her? Seine Planung ist generalstabsmäßig und hat international neue Standards gesetzt. Chirurgen aus aller Welt reisen an und schauen ihm über die Schulter.

Emergency Room Live

"Bevor der Patient eintrifft, sind die Diagnostik schon genau festgelegt, die Reihenfolge, die Zeitvorgaben." Röntgenräume sind ebenso vorbereitet wie das Labor für die Blutbilder. Allein das Zuhören macht schon atemlos. Die Interpretation und die Koordination sind der nächste Schritt – welche Chirurgen gebraucht werden, für Bauch, Gehirn, Knochen oder Gefäße. "Wir managen den Verletzten sozusagen. Das braucht große Erfahrung, denn man muss die Gesamtzusammenhänge kennen." 

Von der Einlieferung über die Diagnostik bis zum OP-Tisch vergeht nur kurze Zeit. "Nach einer halben Stunde soll er entweder im OP oder auf der Intensivstation sein." Auf diese Weise wird der ebenfalls lebensgefährliche Schock des Patienten so gering wie möglich gehalten. 

Als junger Student hat Prof. Haas angefangen, Möbel zu restaurieren. Ein Hobby, dem er heute noch auf seinem Bauernhof in Niedersachsen begeistert nachgeht. Das handwerkliche Fingerspitzen-Gefühl, das er dabei entwickelt hat, kommt ihm auch als Chirurgen zugute. "50 Prozent in unserem Beruf sind Handwerk." Im kaum abebbenden Stress einen präzisen Überblick zu behalten und ebenso schnelle wie richtige Entscheidungen zu treffen ist ein zweiter Faktor. Forschung ist das dritte Bein. Seine Abteilung gewann viele Preise in Deutschland, Europa und den USA zu Themen wie der optimalen Reparatur von Kreuzband-Rissen und dem Einsatz von Wachstumsfaktoren nach Knochenbrüchen. "Wenn zum Beispiel ein Bein nach einem Unfall verkürzt ist, und man streckt es wieder, spielt die Frage, welche Substanzen das Wachstum fördern und das Bein stabil machen, eine große Rolle." Dank seiner Forschung könnten sich Qualität und Geschwindigkeit verdoppeln! Auch die Heilung von Bindegeweben kann dank der Gentechnik heute positiv beeinflusst werden, mit Material aus menschlichen Stammzellen, die für das Wachstum verantwortlich sind. 

"Doch die Technik allein", sagt der Professor, "reicht nicht aus."

Beatmung, Intensivmedizin bei Nieren- oder Lungenversagen, erstklassige Versorgung durch Top-Chirurgen ... heute hat die Medizin Möglichkeiten, von denen die Chirurgen früherer Jahrzehnte allenfalls geträumt haben. Und dennoch: All dies garantiert nicht immer, dass der Patient leben kann. Weil er manchmal einfach nicht mehr leben will. "Dann ist es, als ob er innerlich einen Schalter umlegt. Da kann man machen, was man will – und es wird nichts nützen."

 

DER ÜBERLEBENSFAKTOR OHNE NAMEN

 

Manchmal schaffen es aber auch Patienten, die nach medizinischem Ermessen keine Chance hätten. "Wir hatten gerade ein junges Mädchen hier, die aus einer Kurzschlussreaktion heraus aus dem vierten oder fünften Stock gesprungen ist. Sie hatte keinen heilen Knochen mehr im Leib und dazu noch Organverletzungen. 14 Tage lang wurde sie jeden oder jeden zweiten Tag operiert." Und jetzt? "Jetzt", sagt Professor Haas, "ist sie wieder quietschfidel. Obwohl ihr Körper sie immer an diesen Sturz erinnern wird."

Boxenstop auf Leben und Tod

30 Prozent seiner Patienten sind aus dem Fenster gesprungen oder haben sich vor die U-Bahn geworfen. "Die Dunkelziffer ist vermutlich noch höher – wie bei denen, die auf gerader Strecke mit dem Auto gegen einen Baum knallen. Es ist erschütternd, dass immer mehr alte Menschen ihrem Leben ein Ende machen wollen, weil sie einfach einsam sind. Die Gefühle in der Seele", sagt er, "lösen einen biochemischen Prozess in uns aus, der eben auch über die Widerstandsfähigkeit eines Menschen entscheidet."

Wenn der Sommer kommt, beginnt die Saison der Motorradunfälle. Knochen, Becken, Gelenke müssen rund um die Uhr geflickt werden. "Schmerzen nach Operationen", sagt er, "sind heute dank der Schmerz-Pumpen, die der Patient selbst betätigen kann, nicht mehr das Problem. Aber es ist auch nicht gut, sie ganz wegzuspritzen, denn sie geben manchmal ein wichtiges Signal, dass da etwas nicht in Ordnung ist."

Der Professor hat Spezial-Sprechstunden eingerichtet. Dorthin können Patienten kommen, die an Folgeschäden von Unfällen leiden. Wirbelsäule, Knie, Sportverletzungen, Prothesen für Gelenkersatz, Hand- und Fußchirurgie: Alle finden ein offenes Ohr und einen Spezialisten. Sein Pieper geht, Voralarm für einen Beckenbruch, der in ein paar Minuten eintreffen wird. Den operiert er am liebsten … neben komplizierten Wirbelsäulenverletzungen. "Das braucht große Erfahrung." Im Schnitt gut zehn Jahre! Die Instrumente für die Operation sind vorbereitet, ebenso wie das Team: "Es ist ähnlich wie beim Boxenstopp der Formel1. Alle wissen haargenau, was sie zu tun haben. Nur, dass eben nicht über den Sieg entschieden wird, sondern über Leben."  

 

 

Die Klinik für Orthopädie und die Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie an der Charité sind unter der Direktion von  Prof. Dr. Norbert Haas zum größten unfallchirurgisch-orthopädischen Zentrum Deutschlands  zusammengeschlossen.

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