So wie die Luft zum Atmen…

Die beste Art, um Prof. Dr. med. Philippe Stock kennenzulernen, den leitenden Arzt der Pädiatrie sowie der Pneumologie und Allergologie am Altonaer Kinderkrankenhaus, ist, als Einstieg eine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte aus der Perspektive einer Zweijährigen: Julie.

 

Sie hatte seit Tagen Schnupfen, schweren Husten, extrem hohes Fieber. Jeder Atemzug klang pfeifend und mühsam. Ihre Mutter, die bei den Großeltern zu Besuch war und deshalb ihren eigenen Kinderarzt in Berlin nicht aufsuchen konnte, brachte sie schließlich in eine empfohlene Kinderarztpraxis in der Nähe. Eine halbe Stunde wartete sie zwischen all den anderen kleinen Patienten, wurde schließlich in ein Zimmer geführt, in dem zwei Säuglinge auf ihre Untersuchung vorbereitet wurden. "Ziehen Sie mal das Kind aus", wies die Arzthelferin Julies Mutter an. Gesagt, getan. Die Helferin kam zurück und steckte Julie ohne Vorwarnung ein Thermometer in den Po – eine Erfahrung, die das Kind nicht kannte und mit lauten Schluchzern quittierte. Das Thermometer wurde abgelöst von einem Urinbeutel, den die Helferin dem kleinen Mädchen mehr oder minder gewaltsam und erneut ohne Vorwarnung zwischen die Beine auf die Haut klebte "...falls es von der Blase kommt". Inzwischen schrie Julie durchdringend.

Der Arzt, als er endlich kam, stellte keine Fragen, horchte sie wortlos ab, verschrieb Tropfen gegen die verkrampften Bronchien und sprach den einzigen Satz während der Drei-Minuten-Konsultation: "Kommen Sie morgen wieder."

Der Volksmund sagt: Es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck. Der war auf der ganzen Linie ruiniert. Eine Erfahrung, die unzählige Eltern noch immer in Deutschland machen; der sie viel zu oft ohnmächtig und hilflos gegenüberstehen.

Am nächsten Morgen hatten sich Julies Symptome weiter verschlimmert. Und so landete sie im Kinderkrankenhaus bei Prof. Stock: ein Experte, wenn Kinder an schweren Atemwegsproblemen leiden. Sie sah ihn an mit einem Blick, der sagte: "Wenn du näher kommst, schrei ich ganz laut." Aber er kam nicht näher. Stattdessen saß er einfach neben ihr und ihrer Mutter, stellte Fragen, war ruhig, heiter, lächelte Julie an und tat einfach so, als hätte er eine gute Zeit mit ihrer Mami. Schließlich holte er ein Stethoskop hervor und setze es der Mutter auf den Rücken. "Mal tief einatmen", sagte er. Julies Mutter atmete tief ein. "Das klingt schon mal super", erklärte er Julie, deren Neugier geweckt war. "Und nun schauen wir mal, wie es hier klingt", sagte er und setzte sich das Stethoskop auf den Arm. Seine Diagnose: "Auch alles okay." Julie starrte ihn gespannt an. "Willst du auch mal?" fragte er. Sie nickte andächtig. "Sollen wir mal schauen, wie es unter deinem Hemdchen klingt?" Sie hob es bereitwillig hoch. Und von dem Moment an waren die beiden ein Team. 

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Die Beziehung zu den kleinen Patienten

Wie er das macht, frage ich ihn. Prof. Stock erklärt, wie er's meint. "Das Kind kommt zum Beispiel mit einem Symptom, die Eltern sagen: 'Es erbricht seit sechs Stunden'. Dann kommt das Kind auf mich zu und weiß, ich bin beim Arzt und zieht automatisch den Pulli hoch zum Abhören, weil es das kennt. Selbstverständlich hör ich dann ab, auch wenn die Lunge in diesem Moment gar nicht so interessiert. Manche Kinder spielen das ja zu Hause, haben einen Arztkoffer und dann kommen sie und halten einem das Ohr hin... und natürlich muss man dann reinkucken!" 

Es klingt so einfach, dass man sich fragt, warum es nicht in Beziehungskursen gelehrt wird.

Sie spielen also das Spiel mit?, hake ich nach. "Ja", bestätigt er, "man muss das Spiel mitspielen. Sie haben verloren in dem Moment, wo Sie ein eigenes Spiel spielen." Er lacht. "Das begeistert mich. Das macht im täglichen Umgang Spaß. Man gewinnt einen Partner."

 

FORTSCHRITTE, DIE JEDEN TAG HOFFNUNG MACHEN

Den Experten hat es von der Berliner Charité, wo er bereits die Abteilung für pädiatrische Pneumologie und Allergologie leitete und im Bereich der Immunologie forschte, 2014 ans Altonaer Kinderkrankenhaus verschlagen. Zum Segen der Hamburger Hansestadt!

Der Fachbereich von Philippe Stock ist nicht nur derjenige, der von Geburt an in der Kinderheilkunde eine zentrale Rolle spielt. "Die Pneumologie ist grundsätzlich sehr dicht dran an der allgemeinen Pädiatrie. Wenn Sie sich mit der allgemeinen Kinderheilkunde beschäftigen – auch in der Ausbildung – begegnen Sie sehr häufig Lungenerkrankungen, Bronchitis, Lungenentzündung. Das geht dann schnell in chronische Formen über wie Asthma." 

Sein Spezialgebiet ist vielfältig: "Es gibt für beide – Lunge und Allergien – Bereiche, die ich sinnbildlich finde. Jedes Feld ist sehr, sehr groß. Zwei spielen eine besondere Rolle: Die angeborene Mukosviszidose liegt mir sehr am Herzen, weil wir heute Unglaubliches erreichen können. Es gibt noch keine Heilung, aber trotzdem eine gesteigerte Lebenserwartung und Qualität, die einfach wunderbar ist."

An der Klinik kümmert sich ein Team aus hoch spezialisierten Ärzten gemeinsam mit Physiotherapeuten, Ernährungsspezialisten und Psychotherapeuten um die bestmögliche Entwicklung der kleinen Patienten. Dank der enormen Fortschritte, die in den letzten Jahren vor allem im Hinblick auf die Medikamente erreicht wurden, hat sich die Lebenserwartung von etwa 20 Jahren auf 36 Jahre im Durchschnitt erhöht. "Und im Allergiebereich sollten wir über Kleinkinder mit Nahrungsmittelallergien sprechen, was ein zunehmendes Problem ist. Es beschäftigt die ganze Familie, weil der gesamte Diätplan des Hauses umgestellt werden muss. Das ist viel! Lassen Sie mal Kuhmilch weg oder Ei oder Weizen … das ist nicht trivial." Er entwickelte schon früh ein wissenschaftliches Interesse am Immunsystem: "Mich hat das so fasziniert, das man es gar nicht sehen kann, es aber trotzdem so eine entscheidende Rolle im Körper spielt. Das wollte ich verstehen. Und darüber komme ich zwangsläufig zu den Allergien."

 

Am Anfang: Widerstand.

Wie sind Sie auf Kinderheilkunde gekommen?, frage ich.

"Ich war immer sehr bio-naturwissenschaftlich interessiert, schon in der Schule", antwortet er. "An der Oberstufe wollte ich Medizin studieren.

Mein Vater war auch Mediziner, aber nicht einer, der praktiziert, sondern wissenschaftlich tätig ist. Aber als ich das Abitur in der Hand hielt, war ich in einer solchen politischen Sturm- und Drangzeit, dass die Frage aufkam: Ist Medizin eigentlich mein eigener Wunsch? Dann mach ich doch lieber das, was mich im Moment  interessiert  – und das war Politologie und Volkswirtschaftslehre." 

Der Widerstand dauerte genau drei Semester. "Schulfreunde hatten gleich mit Medizin angefangen und ich hab zunehmend rübergeschielt. Was die machten, fand ich viel spannender. Ab da war ich sicher: Medizin ist mein eigener Wunsch. Ich brauchte nur diese Sonderschleife." 

Er wusste noch nicht, dass er Kinderarzt werden wollte. "Ich hab meine Doktorarbeit z. B. in der Kardiologie gemacht, da hatte ich Kontakte, das funktionierte automatisch. Aber je mehr die ganzen klinischen Fächer kamen, dachte ich: Die Pädiatrie... das ist ja was ganz anderes!"

Was ist so besonders? "Es ist nicht so sehr, weil die Kinder so niedlich sind oder es sehr angenehm ist, mit ihnen zu arbeiten. Das Interessante ist der Ansatz, sich ihnen zu nähern – der ist ein ganz anderer. Man muss jedes Kind dort abholen, wo es ist. Sie können niemals ihr Schema F durchziehen: Ich fange am Kopf an, gehe über den Brustkorb zum Bauch, zu den Beinen... das funktioniert nicht bei Kindern. Stattdessen muss man schauen: Was bietet mir das Kind jetzt gerade an – und darauf muss man eingehen. Und dann ist der Ansatz doch häufig noch ein kurativer: Wir wollen die Kinder gesund machen. Das ist in der Erwachsenenmedizin häufig nicht so ohne Weiteres möglich."  

Was ihn bei Kindern außerdem schnell fasziniert hat, ist die absolute Ehrlichkeit. "Ich sag das ganz bewusst: Ehrlichkeit! Keine Hintergedanken, wenn das Kind etwas schildert. Keine Taktik. Und wenn man Kindern ehrlich begegnet, dann funktioniert das auch. Dann nehmen sie einem auch Dinge aus meiner Erfahrung nicht übel, die vielleicht wehtun. Und sie haben ein wahnsinnig gutes Gespür dafür, ob man ehrlich auf sie zugeht oder nicht. NICHT ehrlich zu sein, ist der größte Fehler, sie so ein bisschen zu veräppeln mit 'nein, nein, tut gar nicht weh' und dann kommt die Nadel. Das nehmen Kinder brutal übel und dann ist das Vertrauen auch weg. Und es ist so ehrlich weg, dass Sie das ganz schwer wieder gekittet kriegen. Ist man jedoch ehrlich und sagt 'Es tut kurz weh, und das Wehtun hört gleich auf, du musst nur kurz ruhig halten' – das akzeptieten sie eher und nehmen es weniger lange übel. Das find ich toll." 

Jeder Tag ist Lohn dieser Entscheidung. "Kinder kennen auch kein Selbstmitleid, erst ab einem gewissen Alter. Wenn man als Erwachsener krank ist, fühlt man sich elend, alles ist schlecht, man kann gar nichts mehr schön finden. Das ist bei Kindern anders. Sie sind schwer krank, und dennoch ist es so, dass sie sich an Kleinigkeiten total begeistern können. Sie liegen ans Bett gekettet mit irgendwelchen Schläuchen und das Feuerwerhauto, wenn es draußen vorbeifährt,  macht trotzdem Freude. Das haben wir verlernt."

Fasziniert vom Immunsystem

Warum das Immunsystem den einen so böse Streiche spielt und den anderen nicht: Diese Frage wird Prof. Stock sein Leben lang begleiten. "Allergien: Wenn man sich das mal vorstellt, ist das eine vollkommen unnötige Immunreaktion gegen etwas, was komplett harmlos ist. Jeder gesunde Mensch wird mit dem konfrontiert, was andere allergisch macht, reagiert aber nicht." Dieses Phänomen bringt den immunologischen Wissenschaftler immer wieder zum Staunen. "Ich hatte immer gelernt, dass das Immunsystem zwischen Freund und Feind unterscheidet. Das hat mich fasziniert. Warum sind wir nicht alle Allergiker? Denn die Birkenpolle, die Hausstaubmilbe, die Gräserpolle, das Katzenhaar... das ist ja Fremdmaterial für uns alle. Und eigentlich müsste der Körper dagegen vorgehen. Warum also haben wir KEINE Reaktion?" Genau zu dem Thema hat er sich habilitiert. "So kam ich an die Allergologie." 

Ja, genau… warum sind wir nicht alle allergisch?",  frage ich ihn.

"Weil unsere Immunsystem eine Fähigkeit hat, die ich bis dahin nicht kannte: Das ist eine immunologische Toleranz. Der Körper des Gesunden weiß: Das ist harmlos. Und dann gibt es ein bestimmtes Zellsystem innerhalb des Immunsystems, das dazu da ist, das Immunsystem zu regulieren, zu bremsen. Diese so genannten regulatorischen Zellen identifizieren, sagen, das ist harmlos. Und deren Funktion ist eingeschränkt bei Allergikern. Die reagieren auf alles, was fremd ist."

Davon kann inzwischen ein Drittel aller Deutschen ein Lied singen…

"Warum das so ist, fangen wir gerade an zu verstehen", sagt Prof. Stock. "Da ist ein Teil des Immunsystems, der trainiert werden muss dadurch, dass man sich mit allen möglichen Dingen auseinandersetzt. Und in unserer sauberen, fast sterilen Welt findet diese Auseinandersetzung nicht ausreichend statt. Dieser Teil des Immunsystems wird nicht genug trainiert."

Die so genannte Hygiene-Hypothese besagt: Kinder, die auf dem Bauernhof, im Stall, im Dreck groß werden – darüber gibt es große Untersuchungen –, haben fast nie Allergien. "Oder auch Kinder in Entwicklungsländern", fügt der Experte hinzu. "Dort wird das Immunsystem ordentlich trainiert. Wir sind offenbar zu sauber. Dadurch hat das Immunsystem nicht genügend Trainingsfläche, wird nicht professionell ausgebildet und dadurch funktionieren die regulatorischen Zellen nicht mehr richtig."

 

JEDER MENSCH IST UNVORHERSAGBAR

Erstaunlich ist ja aber, dass diese Zellen offenbar bestimmte Lieblingsfeinde haben: Gräser, Birkenpollen, Katzenhaare. Man müsste doch denken, dass jeder Mensch seinen eigenen Feind hat, oder?  

"Ja", nickt der Kinderarzt, "und es gibt definitiv die üblichen Verdächtigen: Eier, Weizen, Milch, Nüsse. Da ist man ziemlich blind, weiß gar nicht, was genau die Ursache dafür ist. Man geht im Moment davon aus, dass es an der Bindungsstärke von Molekülen an Rezeptoren liegt – und die ist jeweils unterschiedlich. Manche binden stark, manche nicht. Binden sie fest, lösen sie eine starke Immunreaktion aus. Molekulare Allergologie ist ein ganzes Forschungsfeld: Wie muss ein Allergieauslöser aussehen, damit er eine starke Reaktion hervorruft? Warum ist Katzenhaar so viel aggressiver als Hundehaar? Das ist in der molekularen Struktur irgendwo verankert. Aber zu 100 % verstanden ist es bei Weitem nicht."

Damit stehen Allergien im klaren Gegensatz zur Mukoviszidose, einer schweren, ererbten Erkrankung der Atemwege: "Bei der Mukoviszidose (auch zystische Fibrose genannt) wissen wir ganz genau, welches Gen kaputt ist. Wenn dieses eine Gen bei beiden Eltern defekt ist, dann wird das Kind krank. Ansonsten wird es ein gesunder Überträger. Die Zusammenhänge sind relativ eindeutig, man kann klar messen, wodurch die Erkrankung ausgelöst wird. Hier sind keine Umweltfaktoren im Spiel – nur das Gen."

Unterscheiden sich Kinder und Erwachsene in ihren Reaktionen auf Allergene?

Die Antwort ist nicht immer eindeutig, aber die Richtung vorgegeben. "Bei kleinen Kindern sind es eher Hautprobleme und Nahrungsmittel. Bei Erwachsenen sind häufig eher die Atemwege betroffen: von Asthma und Heuschnupfen. Der Unterschied liegt zwischen Säuglingen und Kleinkindern zu größeren Kindern und Erwachsenen."

Durch die bisweilen schwere Atemnot wirken beide Erkrankungen auf die Eltern bedrohlich und furchteinflößend. Was sind aus der Sicht des Experten die 3 wichtigsten Dinge, die sie wissen sollten?

"Das Erste, was Eltern wissen müssen: Sie tragen keine Schuld daran. Diese Befürchtung ist viel häufiger, als man denkt: Was hab ich falsch gemacht? Irgendwas in der Ernährung? Ich hab vier Monate gestillt, hätte ich sechs Monate stillen müssen? Hab ich falsche Dinge in der Schwangerschaft gegessen? Gerade die Mütter stellen sich solche Fragen. Wenn die Eltern fragen: 'Wo kommt das her?', und wir sagen etwas über Gene oder Umwelt, dann kommt sofort irgendwie das Gefühl: 'Was hab ich falsch gemacht?'. Aber sie trifft keine Schuld.

Das Zweite: Eltern zu vermitteln, dass es Leute gibt, die sich damit auskennen, die das als ihr Spezialgebiet sehen. Die ihnen helfen können, auch wenn sie‘s nicht heilen können. Aber sie können sie begleiten.

Das Dritte ganz wichtige ist, dass wir immer besser werden, unsere Therapien immer weiter entwickeln. Wir sind bei Weitem nicht mehr auf dem Stand, auf dem wir vor zehn oder fünf Jahren waren.

Das sind Dinge, die mich beruhigen würden, wenn ich ein Kind hätte mit einer solchen Erkrankung –sowohl bei der Mukoviszidose als auch bei der Allergie. Wir dürfen nie vergessen in der Medizin: Was heute nicht geht, geht vielleicht übermorgen."

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